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Werkzeugkästen für interdisziplinäre Forschung

von Manuela Lenzen

Die Probleme der Welt halten sich selten an die Grenzen der akademischen Disziplinen. Sie erfordern Lösungsansätze, die über den disziplinären Tellerrand schauen: inter- oder transdisziplinäre Ansätze.

In interdisziplinären Projekten arbeiten Forschende aus verschiedenen Disziplinen zusammen an Problemlösungen. In transdisziplinären Projekten werden auch außerwissenschaftliche Akteure, insbesondere aus Zivilgesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft, in den Forschungsprozess einbezogen.

Diese Einsicht ist nicht neu. Die längste Zeit allerdings hatten es solche Projekte an den Universitäten eher schwer. Sie passten nicht in die gängigen Förderschemata, und sie waren ein Risiko für die Karrieren der Forscher*innen. Denn wer keiner Disziplin so recht zuzuordnen ist, passt schlecht auf nach wie vor disziplinär ausgeschriebene Lehrstühle. Interdisziplinäre Projekte waren und sind deshalb oft etwas, das junge Forschende bestenfalls zusätzlich zu ihrer Fachqualifikation verfolgen können.

Die immer dringenderen Probleme der Gegenwart machen deutlich, dass es so nicht bleiben kann. Und langsam, aber sicher entwickelt sich eine breitere Basis für die interdisziplinäre Forschung. Diese Entwicklung verdankt sich auch der Einsicht, dass Kooperation über die Grenzen des eigenen Fachs hinweg kein Selbstläufer ist, der sich bei ausreichendem Interesse und gutem Willen aller Beteiligten von selbst ergibt. Inter- und transdiziplinäre Forschung sind vielmehr ausgesprochen komplexe Unternehmungen. Erfolgreiche Kooperation versteht sich nicht von selbst, man muss sie erlernen, wie andere Forschungspraktiken auch. Dieses Lernen hakt freilich an mindesten zwei Stellen: an der Zeit, die die Beteiligten im universitären Alltag oft nicht aufbringen können, und an fehlenden Lehrer*innen: Wer hat schon ausreichend Erfahrung, um Interdisziplinarität unterrichten zu können?

Als eine Art Zwischenlösung entstehen derzeit verschiedene Werkzeugkästen, Toolkits, aus denen sich Forschende, aber auch Organisator*innen und Förderinstitutionen bei Bedarf bedienen können. Das jüngste Beispiel: das EU-Projekt SHAPE-ID, Shaping interdisciplinary practices in Europe, das die Verbesserung der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit zwischen den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und den Natur- Technik- und Ingenieurswissenschaften und der Mathematik zum Ziel hatte.

Im Rahmen dieses Projekts entstand nicht nur eine kommentierte Literaturübersicht, sondern auch ein gut ausgestatteter Werkzeugkasten, das SHAPE-ID Toolkit. Man wählt seine Rolle im Forschungsprozess – etwa „Research Individual“ – und kann dann Anleitungen etwa zum Aufbau eines interdisziplinären Teams, zur Suche nach Mitarbeitenden, und zur Verteilung von Aufgaben abrufen. Auch Erfahrungsberichte, Hinweise zum „Troubleshooting“ und zur Planung interdisziplinärerer Forscher*innenkarrieren finden sich.

SHAPE-ID ist nicht das einzige Projekt dieser Art. Die Global Alliance for Inter- and Transdisciplinarity (ITD Alliance), die sich die Stärkung und Förderung „kollaborativer Formen grenzüberschreitender Forschung und Praxis“ zur Aufgabe gemacht hat, hat auf der Seite ITD Toolkits Inventory eine Sammlung solcher Werkzeugkästen zu inter- und transdisziplinärer Forschung begonnen. Dort verzeichnen sie neben den Ergebnissen von SHAPDE-ID bislang noch vier weitere Toolkits.

Wie identifiziert man das genaue Forschungsthema? Wen soll man einbeziehen? Welche Arten von Wissen sind nötig? Wie bekommt man sie zusammen? Wie bildet man aus Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen ein Forschungsteam? Welche Konfliktquellen und Lösungsmöglichkeiten gibt es? Wie vermittelt man die Ergebnisse an Kolleg*innen, Förderinstitutionen und die Öffentlichkeit? Und welche Erfahrungen haben andere gemacht? Zu all diesen Fragen finden sich Hinweise in den Werkzeugkästen. Man muss das Rad der interdisziplinären Zusammenarbeit also längst nicht mehr für jede interdisziplinär arbeitende Gruppe neu erfinden.

Manuela Lenzen
Manuela Lenzen

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Manuela Lenzen (November 25, 2024). Werkzeugkästen für interdisziplinäre Forschung. Interdisciplinarity. Retrieved August 10, 2026 from https://zif.hypotheses.org/1425


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